MILLA - Kopfgeburt oder ernstzunehmender Reformvorschlag

Das Stichwort Digitalisierung fällt aktuell fast immer, wenn es um Bildung geht. Hier diskutieren wir alles rund um dieses Thema in Bezug auf die Erwachsenen- und Weiterbildung.
Das habe ich mich auch schon gefragt: wer soll da eigentlich mitmischen? Und hat sich jemand aus der CDU (soweit ich das bisher erkennen kann, sind vier Personen am Konzept beteiligt) in der Entstehungsphase mal mit Repräsentanten des Feldes (in welcher Form auch immer) unterhalten?

Herr Heilmann sagte auch, dass es im Weiterbildungssystem keine richtige Erfolgsmessung gebe. Es wird also sehr interessant, wie die für MILLA aussehen kann und soll.
Ob wirklich schon Forschung einkalkuliert ist, wage ich zu bezweifeln. Für mich klingt das bislang nach „reinen“ Betriebskosten.

Optimistisch sind sie auf jeden Fall, wenn schon erste Teile 2020/21 an den Start gehen sollen. Hoffentlich ist das keine BER Kalkulation! ;)
Gute Punkte, Carmen! Wobei ich sagen würde: Kluge Algorithmen einzusetzen um auf mich bezogen maßgeschneiderte Angebote zu bekommen, gefällt mir gut. Sowas ist sicher sinnvoll und wird früher oder später kommen. Aber was Qualität und Professionalität angeht, macht das Ganze tatsächlich den Eindruck, dass bisherige Steuerungsmöglichkeiten des Staates, völlig außerhalb des Blickfelds sind. Die Teile der Erwachsenen- und Weiterbildung, die verbandliche Repräsentanzen haben und für Qualitäts- und Professionalitätsentwicklung einstehen, sind als Kooperationspartner zumindest nicht erkennbar, wenn sie überhaupt mitgedacht sein sollten. Das passt natürlich zu der Tonalität des Konzepts, wonach das ganze deutsche Weiterbildungssystem nur defizitär sei. Ich bin gespannt, ob und wie sich Verbände zu MILLA verhalten werden. Statt dessen setzt die CDU alles auf die Karte Micro-Learning. Und verbindet Qualitätskontrolle mit Lernerfolg der Teilnehmenden. Da bin ich mal auf die Untersuchungsdesigns gespannt, die für die Evaluierung des Lernerfolgs herangezogen werden sollen. Da sind bestimmt auch einige Forschungsaufträge im Budget einkalkuliert.
Super, dass die Weiterbildung als Schlüssel zur Zukunft erkannt wird und der Bedarf ist sicher auch da.

Ich persönlich finde ein „Weiterbildungs-Netflix“ durchaus verlockend, frage mich aber, ob es sinnvoll und erstrebenswert ist, wenn ein YouTube Star Englischkurse anbietet, wie Thomas Heilmann plakativ darstellt. Diese Aussage passt für mich in keiner Weise zu einer Qualitäts- und Professionalisierungsdiskussion für die Erwachsenen- und Weiterbildung. Für mich gleicht sie eher einer Entwertung der erwachsenenpädagogischen Profession. Ganz offensichtlich herrscht hier beim CDU-Bundestagsabgeordneten die Annahme, dass jeder, der Videos für You Tube produzieren kann (was mit Sicherheit ein anspruchsvolles Unterfangen ist), auch über gute (medien-)didaktische Kenntnisse verfügt, um Menschen erfolgreich beim Lernen zu unterstützen.
Ist es vor der Vielzahl eigener Lösungen verschiedener traditioneller Weiterbildungsanbieter realistisch, dass eine zentrale Plattform entstehen kann? Und reicht es wirklich aus, wenn sich die „Kontrolle“ darauf beschränkt, kriminelles und abseitiges auszusortieren und eine qualitative Bewertung hinsichtlich didaktischer Gesichtspunkte und Relevanzkriterien dann einer KI und evtl. Nutzerbewertungen zu überlassen?
Gestern machte MILLA die Runde: Ist das nun eine Kopfgeburt von Netflix-Nerds aus der CDU-Bundestagsfraktion oder ein ernstzunehmender Reformvorschlag für die deutsche Weiterbildung? Darüber möchte ich mit der wb-web-Community ins Gespräch kommen.

Ich starte mal mit einem positiven Punkt: Gut, dass Bundespolitik mal ein großes Weiterbildungsrad drehen will. :!:

Bundesministerien und Parteien sind in den letzten Jahren nicht gerade mit Reformeifer an die Verbesserung der deutschen Erwachsenen- und Weiterbildung herangegangen. Die Alphadekade und verschiedene sinnvolle Projektinitiativen des BMBF zur Digitalisierung, zu OER oder zur Professionalitätsentwicklung beim Weiterbildungspersonal bilden da rühmliche Ausnahmen. Das große Rad der Validierung informell und non-formal erworbener Kompetenzen ist trotz VALIKOM nicht wirkungsvoll gedreht worden. Zum Ende des Jahres, an dem Deutschland wie andere Mitgliedstaaten der EU Strategien zur Validierung vorlegen sollen, gibt es keinen überzeugenden und mit großen Fallzahlen aufwartenden Reformvorschlag. An ein bundeseinheitliches Weiterbildungsgesetz glaubt angesichts des Kooperationsverbots kaum jemand ernsthaft. Da freut man sich über jeden, der eine größere Bundesinitiative zur Weiterbildung vorschlägt. Bei aller Skepsis im Detail: Immerhin versucht hier der Staat mit einer Bundes-Intervention den Brückenschlag zwischen einer – von unserem Weiterbildungsdiskurs bislang völlig losgelösten – digitalen Weiterbildungsszene à la Udemy, Learnity, Udacity einerseits und etablierten Anbieterszenen der Weiterbildung andererseits. Ordnungspolitisch kann das besonders gut mit einer Infrastruktur gelingen, insofern hat der Ansatz was. Auch, dass die digitalen Kursangebote aus privaten Firmen- und Konzernfängen in den öffentlichen Raum zurückgeholt werden, verdient Aufmerksamkeit. Bei aller Sorge vor staatlicher Kontrolle des persönlichen Nutzungsverhaltens sind die Daten hier womöglich noch besser aufgehoben als bei Datenkraken privater Provenienz. Andererseits wird es ordnungspolitisch natürlich gleich fragwürdig, wenn man an den Wert der Zertifikate denkt, die dort erworben werden sollen. Hat hier mal jemand aus dem Stab der CDU mit den Kammern gesprochen? Ist es auch nur im Ansatz wahrscheinlich, dass diese Plattform einen Marktwert von Zertifikaten und Badges generieren kann, der außerhalb formaler Anerkennungsprozesse funktioniert?

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